Gummitwist und Ranzen

Aufschwung in der noch relativ jungen Bundesrepublik. Der Nachkriegsmangel war Geschichte, die Wirtschaft begann zu wachsen und die Deutschen kauften wie besessen nach vielen Mangeljahren. Nun war der Tisch reich gedeckt. Eine glänzende Zukunft stand bevor, es herrschte Optimismus pur. Aber es gab noch keinen Überfluß, alles musste hart erarbeitet werden.

Wir hatten eine relativ unbeschwerte Kindheit. Drei erst abends empfangbare Fernsehprogramme (im Sommer gab es bei Regenwetter einen Nachmittagsfilm), keine Computer oder Spielekonsolen, kein Gedöns wie Tennis- oder Golfunterricht. Wir hatten einfach nur viel Freizeit, hatten unsere eigenen Spiele und Abenteuer. Geld für teures Spielzeuge hatten die allerwenigsten in unserem Viertel. Es gab einen Sandkasten hinterm Haus, hygienisch mit Sicherheit eine Katastrophe. Aber das sah niemand besonders eng, wir haben es letztendlich auch alle überlebt.

Gespielt wurde natürlich grundsätzlich draußen, was sollten wir auch in der Wohnung? Wir wohnten in einem neuerbauten 12-Familienhaus, damals topmodern. Eine kleine ruhige Seitenstraße, leicht abfallend und ohne großen Verkehr war unser Hauptort zum Spielen. Verstecken, Fangen, Bremball, Federball, Fußball….alles was man auf der Straße spielen konnte. Paar Meter weiter begann ein kilometerlanger Wingert, logisch das wir zur Traubenreife uns den Bauch damit vollhauten.

Langeweile kannten wir gar nicht, es gab immer was das uns auf Trab hielt. Im Sommer war natürlich das Schwimmbad unser täglicher Zeitvertreib, im Winter ging es zum Schlittenfahren in das nahegelegene Waldstück.
Ganz spontan hat man sich getroffen, die Eltern mussten da gar nicht groß unterrichtet werden. Es fanden sich immer irgendwo paar Kinder zum spielen. Und es war auch egal ob das Jungen oder Mädchen waren, ganz normal. Zusammen wurde der Gummitwist gehüpft, alle Sprünge wurden mehr oder weniger gut beherrscht. Oder das Hüpfspiel „Himmel und Hölle“, die meisten werden sich erinnern….

Immer öfter mussten wir beim Seilspringen, Federball oder Murmelspielen vorbeifahrenden Autos Platz machen. Dampfwalzen und Teermaschinen asphaltierten auch die Seitenstraßen. Bürgersteige wurden befestigt. Die Pfützen, in denen wir mit Gummistiefeln herum stampften und Papierschiffchen auf große Fahrt schickten, verschwanden.

Ganz Normal Bilder

Jeden Freitag stand ich vor dem Schreibwarenladen des Herrn Hoppe und schaute nach, ob es schon die neue „Fix & Foxi“ gab. Danach verhandelte ich mit Oma, weil mein Taschengeld nie zum Erwerb reichte. Die Mickey Maus gab es auch schon, aber hatte mich nie so richtig interessiert. Lupos Abenteuer fand ich wesentlich spannender.

Ganz Normal Bilder

Ostern 1963 kam ich in die Schule. Meine Schultüte enthielt allerdings wenig Süßigkeiten. Außer Gummibärchen gab es Buntstifte und ein Etui. Für ein Heidengeld wurde mir ein Füllfederhalter von Geha gekauft. Die Schule ging von Montag bis Samstag und meist bis mittags um 13 Uhr. Nachmittags hatte ich dann in der Küche meine Hausaufgaben zu machen, wenn nicht, gab es am nächsten Tag in der Schule Strafaufgaben oder Nachsitzen.

Ganz Normal Bilder

Es gab feste braune Lederschulranzen und in jedem waren die Schulsachen –Bücher, Hefte, Etui – und das Pausenbrot. Letzteres bestand aus Äpfeln und Mohrrüben. Der Lederranzen hatte allerdings von Schuljahr zu Schuljahr ein größeres Gewicht.

Einmal im Jahr ging es auf Wandertage und faszinierende Schullandheimaufenthalte, wo ich mit 50 anderen Kindern zum Zähneputzen antreten musste. Um 1967 gab es zwei Kurzschuljahre, die insgesamt 16 Monate dauerten. Die Folge war, dass der Beginn der Schuljahre damit von Ostern auf den Sommer verlegt wurde. Mich machte es stolz, weil ich dadurch meine verspätete Einschulung wieder aufgeholt hatte.

Die Umstellung führte damals auch dazu, dass im Jahre 1966 zwei Jahrgänge ihr Abitur machten, die ersten im Frühling und die zweiten im Herbst. Das eingesparte Schuljahr wurde durch das neu eingeführte 9. Pflichtschuljahr gleich wieder einkassiert. Aus der Volksschule wurde die Grundschule für die Kleinen (1. bis 4. Klasse) und die Hauptschule für die Großen (5. bis 9. Klasse). Aus der Mittelschule wurde die Realschule. Aus der Naturlehre wurde Physik und aus der Naturkunde Biologie.

In diesem Fach hatte ich dann Ende der 60er-Jahre Sexualkunde-Unterricht. Ich wurde “aufgeklärt”, in dem unsere Lehrerin Frau Tietze mir Sachen erzählte, die ich schon wusste, aber noch nicht wissen durfte. Im Schulbuch wurde das auf eine derart technisch-abstrakte Weise dargestellt, dass die, hätten sie es nicht schon gewusst, nach der “Aufklärung” auch nicht viel schlauer gewesen wären, als zu der Zeit, wo sie das, was sie noch nicht wissen durften, noch nicht wussten.

In den nicht-naturwissenschaftlichen und den nicht-fremdsprachlichen Fächern, also insbesondere Deutsch und Politische Bildung, trat als Lehrmittel die Diskussion immer stärker in den Mittelpunkt. Diskutiert wurde um des Diskutierens Willen. Der Inhalt war nicht von Bedeutung, ein Ergebnis oder halbwegs greifbarer Konsens nicht zu erkennen (Viele heutige Politiker müssen damals zur Schule gegangen sein).

Plötzlich war antiautoritäre Erziehung angesagt. Wir Kinder sollten bloß nicht in unserer freien Entwicklung behindert werden. In den großen Städten kamen Kinderläden in Mode. Wo die Kleinen unbehelligt von den Erwachsenen Randale machen konnten. Ein radikales Konzept, das in den folgenden Jahrzehnten allerdings teilweise revidiert wurde.