Früher war alles besser

Werfen wir einen Blick auf das Deutschland vor hundert Jahren. Auf das Jahr 1923, in dem unser Land von einer wahrlich brutalen Krisenkaskade erschüttert wurde

Französische Soldaten besetzen Essen.
Französische Soldaten besetzen Essen. (Quelle: imago)

11. Januar 1923: Nachdem Deutschland bei den Reparationszahlungen an die Siegermächte des Ersten Weltkriegs in Rückstand geraten ist, marschieren 60.000 französische und belgische Soldaten im Ruhrgebiet ein und besetzen die Herzkammer der deutschen Wirtschaft. Die Reichsregierung in Berlin stellt daraufhin sämtliche Reparationslieferungen ein. Kanzler Wilhelm Cuno verkündet den passiven Widerstand, das Wirtschaftsleben kommt zum Erliegen. Bei Demonstrationen und Streiks gibt es Tote. Radikale Kräfte profitieren von der Krise. In München hält die NSDAP ihren ersten Parteitag ab. Adolf Hitler hetzt gegen die Regierung, die SA marschiert auf. Die Münchner Polizei und die Reichswehr lassen die Extremisten gewähren.

Ab Anfang Februar wird aus dem Ruhrpott keine Kohle mehr ins restliche deutsche Reichsgebiet geliefert. Fabriken stellen den Betrieb ein, viele Menschen frieren. Die Regierung lässt immer mehr Geld drucken, um den Wirtschaftskreislauf aufrechtzuerhalten. Ein Dollar ist 41.500 Mark wert.

Im März beantragen SPD und DDP, alle Sturmtruppen der NSDAP aufzulösen. Die bayerische Landesregierung lehnt ab und lässt die Nazis weiter gewähren.

Im April stellt die deutsche Reichswehr ein Heer von „Zeitfreiwilligen“ auf und rüstet die Männer mit heimlich gesammelten Waffen aus. Beides verletzt die Bestimmungen des Versailler Friedensvertrags.

Am 1. Mai lässt NSDAP-Chef Hitler 20.000 Nazischergen auf dem Münchner Oberwiesenfeld aufmarschieren, um die Maifeier der Sozialisten zu stören. Die Polizei schreitet ein und entwaffnet die Extremisten.

Anfang Juni steigt die Inflation weiter, für einen Dollar muss man nun 74.500 Mark berappen. Die Franzosen verschärfen die Abriegelung des Ruhrgebiets und verlangen für alle Einfuhren Zölle. Das Geld verliert weiter an Wert, Ende des Monats liegt der Umrechnungskurs zum Dollar schon bei 136.000 Mark. In Berlin veröffentlicht Arthur Moeller van den Bruck sein Buch „Das Dritte Reich“, in dem er mit dem Parlamentarismus abrechnet und ein „neues Deutschland“ beschwört.

Im Juli steht die deutsche Wirtschaft vor dem Kollaps. Der „Ruhrkampf“ ist de facto verloren, die Reichsregierung muss enorme Summen für den Kauf von Kohle aus anderen Revieren ausgeben, um die Bevölkerung notdürftig zu versorgen. Die Notenpressen laufen heiß, die Inflation galoppiert. Ein Pfund Butter kostet 15.000 Mark, ein Pfund Kaffee 36.000 Mark. Immer mehr Deutsche hungern. Frauen warten vor den Fabriktoren, um den Tageslohn ihrer Männer sofort für Einkäufe auszugeben, bevor er nichts mehr wert ist. Die „Vossische Zeitung“ berichtet über einen Chefarzt, der seine Privatklinik schließen musste und sich nun als Sänger in einem Nachtlokal verdingt. In Sachsen brechen Unruhen aus, es gibt Tote. Politiker warnen vor einem Bürgerkrieg.

Deutsches Notgeld aus dem Jahr 1923.
Deutsches Notgeld aus dem Jahr 1923. (Quelle: H.Tschanz-Hofmann/imago images)

Im August überspringt der Dollarkurs die Marke von 3,3 Millionen Reichsmark. US-Präsident Calvin Coolidge bietet eher halbherzig Hilfe bei der Lösung der deutschen Krise an. Nach Streiks, Hungerdemonstrationen und Plünderungen tritt Kanzler Cuno zurück. DVP-Chef Gustav Stresemann bildet eine große Koalition aus Sozialdemokraten, Zentrum, Demokraten und seiner Deutschen Volkspartei. Gleichzeitig erreichen Kunst und Kultur neue Höhepunkte. In Weimar eröffnet das Bauhaus seine erste Ausstellung, die Werke von Walter Gropius, Paul Klee, Wassily Kandinsky, Oskar Schlemmer und ihren Mitstreiterinnen revolutionieren Architektur, Design und bildende Kunst. Im Berliner Tauentzienpalast wird die Verfilmung von Thomas Manns Jahrhundertroman „Buddenbrooks“ uraufgeführt.

Am 2. September agitiert Adolf Hitler beim „Deutschen Tag“ in Nürnberg gegen die Reichsregierung. Kanzler Stresemann unterbreitet Frankreich ein Verständigungsangebot zur Lösung der Ruhrkrise. Obgleich er keinerlei Zugeständnisse aus Paris erhält, verkündet er das Ende des passiven Widerstands. Das nationalistisch aufgeheizte Bayern widersetzt sich und verhängt den Ausnahmezustand. Der rechtsgerichtete Politiker Gustav von Kahr bekommt diktatorische Vollmachten. Reichspräsident Friedrich Ebert reagiert seinerseits mit einem Ausnahmezustand für ganz Deutschland. Die Mark verliert weiter an Wert, der Kurs zum Dollar steht nun schon bei 50 Millionen Mark.

Im Oktober droht Deutschland auseinanderzubrechen. In Bayern, Thüringen, Sachsen und im Rheinland agitieren Separatisten. Sowohl Rechtsextremisten als auch Kommunisten torpedieren alle Versuche der Reichsregierung, das Land zu beruhigen. Die Reichswehr marschiert in Dresden ein, in Hamburg gibt es Straßenkämpfe. Die Berliner Bevölkerung hungert, Polizisten bewachen die Kartoffeläcker im Umland vor Dieben. Der Dollar steht bei 40 Milliarden Mark.

Am 8. November putscht Hitler in München. Er erklärt die bayerische Landesregierung für abgesetzt und zieht am Folgetag mit SA-Männern zur Feldherrnhalle. Nationalistische Politiker wie Kahr und Ludendorff unterstützen ihn, einige machen dann aber doch einen Rückzieher. Die Polizei vertreibt die Putschisten, Hitler und Ludendorff werden verhaftet. Ende des Monats stürzen die Sozialdemokraten im Reichstag Kanzler Stresemann durch ein Misstrauensvotum. Mit der Ausgabe der Rentenmark endet die Inflation. Der französische Ministerpräsident räumt ein: Die Ruhrbesetzung hat Frankreich zwar 520 Millionen Franc eingebracht – aber 691 Millionen gekostet.

Im Dezember erreicht die Arbeitslosigkeit einen neuen Höhepunkt. Der Staat ist so klamm, dass er seine Beamten nicht mehr voll bezahlen kann. Vielerorts hungern die Bürger. Das Internationale Rote Kreuz ruft zu Sammlungen für Deutschland auf. Auch in den folgenden Monaten und Jahren kommt das Land nicht zur Ruhe. Am Ende zerbricht die Weimarer Republik an ihren Feinden; die Nazis übernehmen die Macht.

Hitler-Schergen 1923 in München (koloriertes Foto).
Hitler-Schergen 1923 in München (koloriertes Foto). (Quelle: United Archives International/imago images)

Wie unter einem Brennglas haben sich im Jahr 1923 die deutschen Zeitläufte verdichtet: Die Folgen des Ersten Weltkriegs, wirtschaftliche Not, Inflation, rechte und linke Extremisten trieben das Land in die Krise – während mutige Demokraten wie Ebert und Stresemann versuchten, Recht und Ordnung in der jungen Republik aufrechtzuerhalten.

Auch heute ist Deutschland schweren Krisen ausgesetzt. Aber im Vergleich zur Zeit vor hundert Jahren ist es ungleich stabiler, wohlhabender und demokratisch gefestigt. Das ist nicht selbstverständlich, es erfordert den unermüdlichen Einsatz aller Demokraten. Solange dieser Konsens trägt, können wir auch heftige Stürme überstehen. Wie tröstlich.


Diese Seite ist ein Kommentar der Nachrichtenredaktion von „t-online“ vom 9.11.2023
Verfasser ist der Chefredakteur Florian Harms.

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