Der alte, jüdische Friedhof in Prag

Der Alte Jüdische Friedhof im Prager Stadtteil Josefov ist einer der beiden bekanntesten jüdischen Friedhöfe der Stadt und einer der historisch bedeutendsten jüdischen Friedhöfe in Europa.

Er liegt im ehemals jüdischen Viertel der Prager Altstadt und geht auf die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts zurück. Trotz seiner kleinen Fläche (ca. 1 ha) enthält er über 12.000 Grabsteine und vermutlich die Gebeine von 100.000 Menschen.

Der Friedhof entspricht bis heute nahezu seinen mittelalterlichen Ausmaßen, da es im Ghetto keine Erweiterungsmöglichkeiten gegeben hatte. Aus Platzmangel begrub man die Verstorbenen in bis zu zwölf Schichten, was mit den Jahrhunderten ein für heutige Begriffe fast malerisches Auf und Ab des Erdbodens zur Folge hatte.

Das mit einer hohen Mauer umfriedete, verwinkelte Grundstück liegt zwischen der Pinkas- und der Klausen-Synagoge, doch sind auch die Altneu- und die Maisel-Synagoge ganz in der Nähe. In die Umfriedung hat man 1866 einige gotische Grabsteine eingemauert, die vom aufgelassenen Judengarten stammen.

Neben dem Friedhof befindet sich das Jüdische Museum, das ursprünglich von Adolf Eichmann bzw. seinem Referat als „Jüdisches Zentralmuseum“ während der deutschen Besatzung eingerichtet und am 6. April 1943 von der SS als „Museum einer untergegangenen Rasse“ eröffnet wurde. Hier sind zahlreiche Kultgegenstände und Bilder ausgestellt. Sie zeigen auch die Tätigkeit der Prager Beerdigungsbruderschaft und ihre soziale Funktion. Diese 1564 gegründete gemeinnützige Organisation führte rituelle Beerdigungen durch, widmete sich aber auch karitativer Gemeindearbeit. Das Museum verwaltet auch diesen Friedhof.

Der Friedhof ist Ort der Schlüsselszene in dem 1868 erschienenen antisemitischen Sensationsroman Biarritz des deutschen Schriftstellers Hermann Goedsche: Darin belauschen der Protagonist und sein jüdischstämmiger Begleiter eine Versammlung der Vertreter der zwölf Stämme Israels, die dort ihre Pläne einer antichristlichen Verschwörung besprechen. Der Text, wenn auch nicht der Ort, fand als Plagiat Eingang in die Protokolle der Weisen von Zion, eine um 1903 entstandene Grundlagenschrift des verschwörungstheoretischen Antisemitismus, die ebenfalls vorgibt, geheime Dokumente eines Treffens von jüdischen Weltverschwörern zu sein. In Umberto Ecos Roman Der Friedhof in Prag aus dem Jahr 2010, der die Entstehungsgeschichte der Protokolle phantasievoll ausschmückt, spielt der Friedhof gleichfalls eine Rolle.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s